1885

 

28. Januar

„Zum Frankfurter Attentat schreibt der in Basel (Schweiz) erscheinende „Volksfreund“: Wir können heute unsere Nachrichten bestätigen, nach welcher der in Hockenheim bei Mannheim verhaftete Handwerksgeselle, welcher auf einen Gendarmen schoß und durch sein sonstiges Benehmen und die an seiner Hand befindliche Schnittwunde den Glauben aufkommen ließ, er sei der Mörder des Polizeiraths Rumpff in Frankfurt a.M., thatsächlich bei einem hiesigen ehrbaren Schuhmachermeister in Arbeit stand. Der Attentäter soll Julius Adolf Lieske heißen, ist 22 Jahr alt und aus Zossen in Preußen. Er kam im Herbst von Genf nach Basel und fand hier Arbeit. Sein Meister schildert denselben als fleißigen und tüchtigen Arbeiter; derselbe habe sich aber auch durch seine Außerungen und Schriften als Anarchist bekannt und dies scheint auch der Grund gewesen zu sein, daß er den Meister, der diese Ansichten durchaus nicht billigte, verlassen hat. Inwiefern nun Lieske mit dem Mord in Frankfurt in Verbindung zu bringen ist, dürfte Sache der Untersuchung sein. Ob endlich Lieske der Untersuchungsbehörde in Mannheim über seinen wahren Namen und sein Thun Geständnisse gemacht hat, scheint ziemlich sicher, weil sein früherer Aufenthalt in Basel konstatirt wurde.“

Quelle: Berliner Volksblatt, 28.01.1885, S. 5

 

Juni

„Eine Frevelthat, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Aufsehen und Entsetzen erregte und noch bis auf den heutigen Tag die Gemüther in vollster Spannung hält, gelangt heute zur Kognition des hiesigen königl. Land-Schwurgerichts. Obwohl zur Zeit sehr viel über die Einzelheiten des Verbrechens berichtet worden, so dürfte es doch geboten erscheinen, den Thatbestand in Kürze zu rekapitulieren: Am Abende des 13. Januar 1885, etwa gegen 8 Uhr, machte das Dienstmädchen des Polizeirath Dr. Rumpff in einem an der Ecke des Sachsenlagers und des Grüneburgwegs belegenen Spezereiladen einige Einkäufe. Als sie nach der, Sachsenlager Nr. 5 belegenen Rumpff’schen Wohnung zurückkehrte und durch die Gartenpforte trat, sah sie dicht an der Wand des Hauses, in der Nähe der Hausthür, einen Mann liegen. Sie hielt denselben für einen Betrunkenen und da sie sich vor ihm fürchtete, so lief sie eilgst in den Spezereiladen zurück und bat dort ein Mädchen, sie zu begleiten, da der Betrunkene den Eingang zum Hause versperre. Als sie sich nun der liegenden Gestalt näherte, entdeckte sie in demselben ihren Herrn. Er schlug die Augen auf und erkannte sie wohl, vermochte jedoch nicht zu sprechen. Das Mädchen bemühte sich, ihrem Herrn zu helfen, allein in demselben Moment hauchte der in der Herzgegend aus einer Wunde blutende Polizeirath in den Armen seines Dienstmädchens , auf den Steinfließen hingestreckt, sein Leben aus. Das Dienstmädchen alarmirte die Hausbewohner, welch letztere eiligst die Polizei und den Kreisphysikus Dr. Wilbrand herbeiriefen. Letzterer konstatirte, daß ein mit furchtbarer Wucht geführter Dolchstoß, der den Überzieher, Rock, Weste, Leinen- und Flanellhemd durchdrungen und das Herz getroffen hatte, den Tod herbeigeführt habe. Nach der Beschaffenheit der Wunde zu schließen, muß der tödtliche Stoß mit einem langen dreikantigen Stilet geführt worden sein. Weitere Ermittlungen ergaben, daß der am 22. Februar 1822 geborene, aber immerhin noch sehr rüstige Polizeirath etwa gegen 7 ½ Uhr sein Bureau im Polizeipräsidium verlassen und sich , gegen seine sonstige Gewohnheit, sofort nach Hause begeben hatte. Die Straße „Sachsenlager“, liegt im sogenannten Millionärsviertel Frankfurts, woselbst die Häuser sämmtlich mit Vorgärten versehen sind und zu denen der Eingang zumeist seitwärts durch eine eiserne Gartenpforte führt. In dieser, fern von dem geräuschvollen Leben und Treiben der inneren Stadt belegenen stillen, wenig bewohnten Straße Nr. 5 wohnte der Ermordete, der seit längerer zeit verwittwet, mit seinen beiden Kindern, einem 17jährigen, zur Zeit die Unterprima des Frankfurter Gymnasiums besuchenden Sohne und einer 16jährigen Tochter. Allein zwischen 7 und 8 Uhr Abends ist die bezeichnete Gegend gerade am belebtesten. Wie überall, so machen auch hier die Brief- und Zeitungsträger in dieser Zeit die letzten Bestellungen. Die Fleischerburschen gehen gewöhnlich um diese Zeit von Haus zu Haus, um die Hausfrauen nach ihren Wünschen für den folgenden Tag zu fragen. Die Dienstmädchen holen aus den Spezereiläden, was noch für das Nachtessen und den nächsten Morgen gebraucht wird. Die Beamten und Geschäftsleute kommen nach Hause, Herren und Damen eilen in die Versammlungen, vereine, Kränzchen etc., kurz gerade um diese Zeit sind zumeist mehr Leute auf der Straße, als sonst während des ganzen Tages. Es kommt hinzu, daß das Sachsenlager in zwei, um die fragliche Zeit mindestens ebenso belebte Straßen (Gärtnerweg und Grüneburgweg) mündet, und daß das Haus Sachsenlager Nr. 5 etwa 200 Schritt von dem Gärtnerweg entfernt liegt. Und trotzdem konnte der Mord so ungehindert auf offener Straße geschehen. An der Stelle, wo der Ermordete seinen Geist aufgegeben, befand sich eine große Blutlache; außerdem waren die Stäbe der Gartenpforte stark beblutet, so daß anzunehmen ist, der Mörder hat in der Dunkelheit und Eile umhergetastet, ehe er den Ausgang gefunden. Den Umständen nach zu schließen, konnte der Mord nur aus persönlicher Rache oder aus politischen Motiven geschehen sein. Obwohl die Polizei sofort eine förmlich fieberhafte Thätigkeit entfaltete, so vermochte sie zunächst nicht eine Spur von dem Verbrecher zu entdecken. Allein schon am 19. Januar begegnete ein Gendarm in dem dicht bei Mannheim belegenen Hockenheim einem Handwerksburschen. Der Gendarm hielt den Wanderer an und fragte ihn nach seinen Legitimationspapieren. Letztere kamen dem Beamten nicht richtig vor, und als er dies dem Angehaltenen vorhielt, lief derselbe eiligst davon. Zwei in der Nähe stehende Bauern verfolgten ihn. Der Fliehende wandte sich um und schoß zweimal mit einem Revolver auf seine Verfolger. Inzwischen war auch der Gendarm näher gekommen; der Flüchtling schoß auch auf diesen, alle drei Schüsse gingen jedoch fehl. Nach heftigen Kämpfen gelang es dem Gendarm endlich, den Flüchtling zu überwältigen, ihm den Revolver zu entreißen und ihn in Haft zu nehmen. Der Verhaftete, der sich die verschiedensten Namen gab und bald Tischler, balsd Schuhmacher sein wollte, trug außer dem erwähnten Revolver ein großes, scharfgeschliffenes sogenanntes Schustermesser und etwa 12 Mark baares Geld bei sich. An der inneren Handfläche hatte der Verhaftete eine etwa acht Tage alte, große Schnittwunde: außerdem fanden sich in seinen Kleidungsstücken eine große Anzahl Blutflecken vor. Sowohl hierüber, als auch über seinen letzten Aufenthalt machte der Verhaftete die widersprechensten Angaben. Den Bemühungen der Polizei gelang es jedoch sehr bald festzustellen, daß sich der Verhaftete vom 31. Dezember 1884 bis zum 14. Januar 1885 planlos, das heißt ohne sich irgendwie Arbeit zu suchen, in Frankfurt am Main aufgehalten habe. Um hier seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, hatte er seine Uhr versetzt. Er wohnte in der Alten Mainzergasse bei dem Wirthe Burda. Tagsüber hielt er sich vielfach in der christlichen Herberge zur Heimath auf, da dort in ziemlich großer Anzahl die Arbeiterwelt verkehrt. Dort lernte er einen Schriftsetzer, Namens Hüber kennen und erkundigte sich bei diesem sowohl als auch noch bei einigen anderen Personen nach den Gepflogenheiten des Polizeiraths Rumpff. Auch im Sachsenlager ist der Verhaftete häufig gesehen worden. Am Tage vor dem Morde, also nachdem er schon 14 Tage in Frankfurt war, meldete er sich bei der Polizei als „Tischlergeselle Lieske“ an, während seine Legitimationspapiere auf den „Tischlergesellen C. S. Nau“ lauteten. Da der Verhaftete in der That Lieske heißt, allerdings Schuhmacher und nicht Tischler von Profession ist, so muß er die Legitimationspapiere dem Tischlergesellen Nau, der im Übrigen als Zeuge geladen, wohl entwendet haben. Jedenfalls hat letzterer bekundet, daß Lieske ihm vorher von der beabsichtigten Mordthat Andeutungen gemacht habe. Als Lieske eines Abends in der in der Alten Mainzergasse belegenen Wirthschaft von Leßmann mit mehreren Arbeitern Karten spielte, sagte ein Arbeiter: „Trumpf“. Ach was thue ich mit dem Trupf, versetzte Lieske, „bring mir lieber den Rumpff.“ Am 14. Januar ist Lieske von Frankfurt verschwunden und ließ sich in Bilkenbach von einem Arzte seine verletzte Hand verbinden. Irgend welche sozialistische oder anarchistische Schriften wurden bei Lieske wohl nicht vorgefunden, allein, er soll einen Aufruf, in dem die Arbeiter aufgefordert werden, die wegen der bekannten Wiener Vorgänge im vergangenen Jahre in Wien erfolgte Hinrichtung des Anarchisten Stellmacher zu rächen, in Frankfurt verbreitet haben. Außerdem hat die Polizei ermittelt, daß sich Lieske, der längere Zeit in der Schweiz gelebt, sich dort an der anarchistischen Bewegung betheiligt und in Lausanne sogar die Stellung eines Bibliothekars im dortigen anarchistischenArbeiter-Verein bekleidet habe. Am 31. Dezember 1884 soll er direkt von der Schweiz nach Frankfurt gekommen sein. Lieske hat sich deshalb heute wegen Mordes und versuchten Todtschlags, letzteres Verbrechen begangen gegen den Gendarmen etc. in Bockenheim vor Eingangs bezeichnetem Gerichtshofe zu verantworten. Er heißt mit Vornamen: Julius Adolf, ist am 1. Februar 1863 zu Zossen, Kreis Teltow, bei Berlin, geboren, evangelischer Konfession und außer einmal wegen Bettelns noch nicht bestraft. Sein Vater, mit Vornamen Johann Friedrich Christian lebt noch heute als Tagelöhner in Zossen, während seine Mutter, eine geborene Grüneberg, seit längerer Zeit verstorben ist. Er hat sechs Brüder und eine bereits verheirathete Schwester. Er besuchte in Zossen die Volksschule und kam nach vollendetem vierzehnten Lebensjahre zu dem dortigen Schuhmachermeister Peter Steinicke in die Lehre. 1881 ging Lieseke in die Fremde und durchwanderte einen großen Theil Deutschlands, ferner Ungarn und die Schweiz. Er soll zuletzt in Basel gearbeitet haben. ...“

Quelle: Berliner Volksblatt, 30.06.1885, S. 4

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