1886

 

7. Dezember

„Wegen fahrlässiger Körperverletzung hatte sich gestern vor der Strafkammer Landgerichts II der in der Zementfabrik „Adler“ bei Zossen beschäftigt gewesene Arbeiter Karl Liebsch zu verantworten. In dem genannten Etablissiment ereigneten sich im Juli d. J. Und zwar innerhalb eines Zeitraums von 8 Tagen hintereinander zwei bedauerliche Unfälle. Eines Tages war daselbst ein Arbeiter Namens Schneider durch eine vorhandene Öffnung, welche jeglicher Sicherungs-Vorrichtung entbehrte, einen Fahrstuhlschacht aus bedeutender Höhe hinuntergestürt und man hatte ihn schwer verletzt vom Orte seiner Thätigkeit hinweggetragen. Nachdem in Folge dessen der Verletzte gegen seinen Arbeitgeber einen Schadenersatz wegen des beim Betriebe erlittenen unverschuldeten Unfalls im Prozeßwege geltend gemacht und wegen dieses Vorkommnisses die Voruntersuchung strafrechtlich eingeleitet worden war, hielten die Unternehmer es endlich für erforderlich Sicherungsmaßregeln zu treefen und an der kritischen Stelle des Fahrstuhlschachts wurde zunächst eine eiserne bewegliche Barriere vorgelegt. Aber auch diese Sicherheits-Vorrichtung verfehlte gänzlich ihren Zweck; denn genau 8 Tage später stürtzte ein anderer Arbeiter, Namens Domisch, welcher mit dem Heraufschaffen von zum Bau einer neu anzulegenden Trockenkammer bestimmten Steinen am Fahrstuhl ausnahmsweise beschäftigt warden Fahrstuhlschacht, weil die qu. Barrierenstange nicht vorgelegt worden, aus einer Höhe von 40 Fuß hinunter in die Tiefe. Im Blute schwimmend und mit zwerschmetterten Gliedern, jedoch noch lebend wurde Domisch aufgehoben; vier Rippen und der linke Arme waren dem Bedauernswertehen zerbrochen, abgesehen von anderen weniger erheblichen Verletzungen. Der Direktor der Zementfabrik bezeichnete als verantwortlichen Urheber dieses zweiten Unfalls den oben bezeichneten Angeklagten Liebsch, weil derselbe es unterlassen, den Fahrstuhlschacht durch Vorlegen der Barrierenstange zu sichern, wie solches seine Funktion als Vorarbeiter dem erhaltenen Auftrag gemäß erforderte. Vor Gericht wendete Liebsch dagegen ein, daß jene Barriere keine genügende Sicherung gegen Unfälle gewährt habe, dafür zeuge der Umstand, daß hinterher, kurz nachdem Domisch hinuntergestürtzt, seitens der Direktion erst eine hinlängliche Einrichtung, bestehend aus einer mit mechanischer Vorrichtung versehenen Gitterdrahtthür, welche selbständig nach der jeweiligen Bewegung des Fahrstuhls sich öffnet und schließt, an der kritischen Stelle angebracht worden sei; außerdem habe er dem Domisch ausdrücklich verboten, beim Herufschaffen der Steine nach oben den Fahrstuhl zu benutzen. Im jämmerlichen Zustande erschien der als Belastungszeuge geladene Domisch vor Gericht; derselbe befindet sich gegenwärtig noch in der königl. Klinik in Behandlung und wird wahrscheinlich, da die zerschmetterten Knochen des Arms, trotz nachträglich infolge ärztlicher Anordnung erfolgten Aufbrechens, sich nicht heilsam fügen wollen, eine Amputation des Armes sich gefallen lassen müssen. In seiner Aussage widerlegt Domisch die Behauptung des Angeklagten, bezüglich des von dem letzteren angeblich an ihn gerichteten Verbots der Benutzung des Fahrstuhls. Seine Aussage sowie diejenige des Direktors der Zementfabrik ließen den Angeklagten als alleinigen Urheber jenes Unfalls, welchem Domisch zum Opfer fiel, erscheinen; der Staatsanwalt erachtete in seinen Ausführungen die Schuld des Angeklagten um so größer, weil erst 8 Tage vorher ein gleicher Unfall in der Zementfabrik stattgehabt und demgemäß lautete der Strafantrag auf 3 Monate Gefängnis. Der Gerichtshof zog jedoch die thatsächlichen Verhältnisse zu Gunsten des Angeklagten in Betracht und das Urteil lautete demgemäß auf nur 1 Woche Gefängnis.“

Quelle: Berliner Volksblatt, 08.12.1886, S. 4

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