1889

 

1. November

Zossen verfügt laut Statistik der Viehzählung im Kreis Teltow über 272 Pferde und 338 Stück Rindvieh.

Quelle: TKB, 05.06.1890; s. 1f.

 

13. November

„Wegen Verbreitung von sozialdemokratischen Schriften ohne polizeiliche Genehmigung standen gestern vor der zweiten Strafkammer am Landgericht II der Maurerlehrling Großkopf und der Arbeiter Blisse aus Zossen sowie der Kutscher Hahn aus Hohenheim. Sie waren beschuldigt, am 1. September d.J. sozialdemokratische Flugblätter verbreitet zu haben. Diese Flugblätter bezogen sich auf die bevorstehende Reichstagswahl. § 28 des Sozialistengesetzes läßt die Verbreitung von sozialistischen Wahlflugblättern von dem Tage an frei, an welchem der Tag der Wahl bekannt gegeben wird, das Ministerial-Reskript vom 26. September 1886 bestimmt dagegen, daß keinerlei Drucksachen ohne polizeiliche Genehmigung verbreitet werden dürfen. Der Tag der Wahl steht aber noch nicht fest und die polizeiliche Genehmigung war nicht eingeholt worden. Der Gendarm Klingner hatte am Abend des 1. September vom Bürgermeister in Zossen erfahren, daß in der Stadt vielfach sozialistische Flugblätter verbreitet worden seien, wahrscheinlich von einigen Berlinern, die sich in der Stadt aufgehalten hatten. Der Gendarm ging nach dem Bahnhof, erfuhr aber dort, daß die vier „Verdächtigen“ bereits eine Stunde früher abgedampft waren. Nun forschte er weiter nach, und erfuhr dann auch, daß die drei Angeklagten im Besitze solcher Flugblätter gesehen worden seien und auch solche weiter gegeben hätten. Er fand auch bei allen Dreien noch einige Exemplare vor, weshalb Anklage erhoben wurde. Das Schöffengericht, welches sich zuerst mit der Suche zu befassen hatte, hiele sich für unzuständig und verwies dieselbe an das Landgericht. Die Angeklagten waren überaus simple Menschen, die von der Existenz der Sozialdemokratie keine Ahnung haben. Großkopf war von seinem Meister über Land geschickt worden. Bei der Rückkehr hatte er im Walde einige fremde Männer getroffen, welche ihm die Blätter mit den Worten gegeben hätten: „Da lies und gieb’s weiter!“ Er hätte wohl etwas von Demokraten gelesen, aber nichts verstanden. Zu Hause habe er die Blätter auf die Ofenbank gelegt, dort hätten Bekannte, die zum Besuch kamen, die Blätter auch gelesen, worauf er letztere verbrannt habe. In derselben Weise wollten die andern beiden Angeklagten dazu gekommen sein, die gar nicht einmal lesen können, und in dem Glauben, daß es „Zettel von Schauspielern“ wären, die sich am Orte aufhielten, einige Exemplare weiter gegeben haben. Der Staatsanwalt beantragte selbst die Freisprechung und der Gerichtshof erkannte demgemäß, weil man es hier wohl nicht mit den Verbreitern, sondern mit solchen Leuten zu thun habe, bei denen die wirklichen Verbreiter einige Exemplare angebracht hätten.“

 Quelle: Berliner Volksblatt, 14.11.1889, S. 7

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