1890

 

Januar

„Eine grausige Mordgeschichte beschäftigte am Freitag das Schwurgericht am Landgericht II. Auf der Anklagebank stand die 75jährige Armenhäuslerin Frau Friedrich aus Zossen. Dieselbe besitzt eine irrsinnige Tochter, mit welcher sie bis zum Augenblicke der inkriminirten That im städtischen Armenhause wohnte. Die Tochter wurde trotz ihrer geistigen Unzurechnungsfährigkeit von einem gewissenlosen Menschen beschwängert, der deshalb mit sechs Monaten Gefängnis bestraft wurde. Nach der Niederkunft erhielt die Tochter einige lichte Augenblicke und in diesen erzählte sie einem Gendarmen, daß ihre Mutter das neugeborene Kind mit dem Kopfe auf die Kante des Tischs aufgeschlagen, dadurch getödtet und dann die Leiche in einem alten Schmortopf gesteckt und vergraben habe. Bald nach dieser Mittheilung verfiel die junge Mutter wieder in ununterbrochenen Wahnsinn, doch wurde ihre Erzählung durch den Umstand unterstützt, daß die amtlichen Recherchen den bewußten Schmortopf mit der Kindesleiche an der bezeichneten Stelle zu Tage förderten. Die Mutter wurde darauf gefänglich eingezogen, die Tochter in das Provinzial-Irrenhaus gebracht. Im Oktober v. J. Kam die Sache zum ersten Male vor dem Schwurgericht am Landgericht II zur Verhandlung. Wie in der Voruntersuchung blieb die alte Frau dabei, das Kind sei todt geboren und wäre von ihr nur im Schmortopfe vergraben worden, um der Gemeinde die Beerdigungskosten zu ersparen. Schon in der vorigen Verhandlung stritten sich die zahlreichen medizinischen Sachverständigen sehr scharf, theils um die Todesursache des Kindes, theils um den Werth, welcher dem Geständnisse einer Irrsinnigen während eines sogenannten lichten Augenblicks beigemessen werden könne. Der Gerichtshof konnte damals nicht umhin, den Sachverständigenstreit durch ein Super-Arbitrium der königlichen Deputation für die medizinischen Wissenschaft zu schlichten. Dieses Ober-Gutachten war zur gestrigen Verhandlung eingegangen, dasselbe muß aber einen negativen Standpunkt eingenommen haben, denn die Verhandlung, die natürlich un ter Ausschluß der Öffentlichkeit stattfand, endigte mit der Freisprechung der Angeklagten.“

Quelle: Berliner Volksblatt, 18.01.1890, S. 7

 

 Februar

„Aus den ländlichen Bezirken des Wahlkreises Teltow-Charlottenburg werden unerhörte Schikanen von den Genossen berichtet. In vielen Ortschaften durften die Beaufsichtigenden Genossen gar nicht in das Wahllokal hinein. Manchem ging es noch schlimmer. So wurden 4 Mann in Rangsdorf verhaftet, nach Günsdorf (Jühnsdorf?) transportiert und dort bis ½ 12 Uhr behalten. Dann ging es mit Eskorte von acht Mann nach Zossen, woselbst unsere Genossen bis 4 Uhr verbleiben mußten. 600 Flugblätter und 1000 Stimmzettel wurden konfisziert; für die Ergreifung des ersten Flugblattvertheilers setzte der Ortsvorsteher in Günsdorf 3 M. aus. In Blankenfelde gelang es den Genossen unter mancherlei Chikannen bis ¾ 5 Uhr das Wahllokal zu behaupten. Dann wurde der kontrollirende Genosse hinaus geworfen, und als ein Anderer Einlaß begehrte, traten ihm 2 Männer mit Stöcken entgegen, und ihn der Amtmann bei der Brust packte und er weichen mußte. Vorher hatte der Amtmann vor dem Lokale Wache gehalten; einem Wähler, welcher einen ...schen Stimmzettel nahm, denselben weggenommen und zerrissen. Später äußerte er zum Chausseeaufseher: „Notiren Sie die Leute, welche Zettel nehmen, die mache ich alle brotlos.“ In Ruhlsdorf (Groß-Beeren) wurde unser Genosse aus dem Wahllokal hinausgeworfen, als er vor der Thüre Zettel vertheilen wollte, auch dort nicht geduldet. Später wurde er noch aus der Dorfschänke und mit Hunden zum Dorf hinaus gehetzt. In Rehhagen sollte unser Genosse bei der Stimmenauszählung nicht zugelassen sein. In einer Ortschaft bei Zossen wurden die Genossen aus dem Wahllokal hinausgewiesen, sodann vor dem Wahllokal vom Gendarmen verjagt; in die Schenke flüchtend, wurden sie auch dort vertrieben und auf der Chausse nach Zossen vom Gendarmen mit blanker Waffe verfolgt. In einer andern Ortschaft schritt Gendarmerie ein, wobei einer unserer Genossen ein paar Mal umgeritten wurde, eine Verrenkung der Schulter und eine klaffende Wunde am Knie davontrug. Ein allerliebstes Exemplar ist jener Förster, der an der Spitze seiner Leute vor dem Wahllokal einen Werner’schen Stimmzettel erhielt und nun sagte: „Schönes weißes Papier, aber der d’rauf steht, ist ein Königsmörder.“ ...“

Quelle: Berliner Volksblatt, 23.02.1890, S. 5

 

Februar

Aus einem Bericht über eine Versammlung in Rixdorf:
„Recht drastisch schilderte der Kandidat für Lübben, Herr Fritz Krüger, seine Erlebnisse in Zossen. Er sagte: „Ich hatte mir von den Genossen einen recht gefährlichen Posten ausgebeten, aber es doch nicht für möglich gehalten, daß ich unter den Augen des Herrn Bürgermeisters und des Wahlvorstandes wie ein fangball hin und her von einem zum andern gestoßen, zur Erde geworfen, geschlagen und mit Füßen getreten würde, bis der Bürgermeister „Halt!“ rief.“

Quelle: Berliner Volksblatt, 05.03.1890, S. 7

 

Februar

Vor der Stichwahl im Reichstagswahlkreis Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg zwischen Prinz Handjery (Konservative) und Wilhelm Werner (SPD) veröffentlicht der konservative Wahlverein einen Aufruf, in dem für den Fall eines Wahlsiegs des SPD-Kandidaten u.a. mit einer Revolution zum Sturz der Monarchie, mit der Aufhebung der Ehe und Abschaffung der Religion gedroht wird.

Quelle: TKB, 27.02.1890

 

20. Februar

Reichstagswahlen
Wahlstatistik: Bei den Reichstagswahlen wurden am 20. Februar in Zossen 441 Stimmen für Hanjery (Konservative), 74 für Richter (Freisinnige) und 105 für Werner (SPD) abgegeben. In der Stichwahl am 1. März erhielt Handjery 575 Stimmen, Werner 91.

Quelle: TKB, 29.05.1890

 

 27. Februar

Beginn des Konkursverfahrens über das Vermögen des Zossener Kalkbrennereibesitzers L. Neidholdt.

Quelle: TKB, 04.03.1890

 

5. März

Der Landrat von Stubenrauch gibt als Leiter der Wahlbehörde bekannt, dass in der Reichstagsstichwahl am 1. März 1890 der Regierungspräsident Prinz Handjery 28945 Stimmen und der Buchdrucker Werner (SPD) 22839 Stimmen erhalten hat.

Quelle: TKB, 06.03.1890

 

1. Mai

Anlässlich drohender Streiks am 1. Mai veröffentlichen nahezu alle größeren Firmen im Kreis Teltow ein Plakat folgenden Inhalts:
„Die unterzeichneten Firmen des Teltower Kreises machen zufolge gemeinsamen Beschlusses ihren Arbeitern hierdurch bekannt, daß in ihren Fabriken und Betrieben am 1. Mai,wie an einem gewöhnlichen Werktage, gearbeitet wird.
Dieselben fordern deshalb ihre Arbeiter auf, am Donnerstag, den 1. Mai pflichtgemäß zur Arbeit zu erscheinen und machen darauf aufmerksam, daß Zuwiderhandelnde auch Freitag den 2. und Sonnabend den 3. Mai zu feiern haben werden.“

Quelle: TKB, 29.04.1890

 

6. Mai

Das „Teltower Kreisblatt“ stellt in demagogischer Weise sozialdemokratische Positionen zu Ehe und Familie an und schließt: „Der Kampf gegen solche Grundsätze, wie sie die Sozialdemokratie vertritt, ist ein Kampf gegen die Zuchtlosigkeit und wenn es auch im Allgemeinen gut ist , daß sich die Frauen nicht mit Politik beschäftigen, so muß doch jede nicht in der Erziehung verwilderte Frau eine geborene Gegnerin der Sozialdemokratie sein.“

 Quelle:  TKB, 06.05.1890

 

8. Mai

Kalkbrennereibesitzer C. Krause beabsichtigt auf seinem in Zossen gelegenem Grundstück einen Kalkringofen zu errichten.

Quelle: TKB, 13.05.1890

 

Dezember

Zu Arbeitsverhältnissen in Zossen
„Wir lassen hier die Mittheilungen eines Mannes folgen, der die Wohlthat des Vereins zur Besserung entlassener Strafgefangener genossen hat und dessen Mittheilungen auch den Eindruck vollster Glaubwürdigkeit machen.

Ich schicke voraus – so schreibt der Betreffende, daß viele Hunderte von Leuten, welche – verschuldet oder unverschuldet – in ähnliche Verhältnisse gerathen waren, dieselben Erfahrungen wie ich gemacht haben. – Nach verbüßter Strafe in Plötzensee entlassen erhielt ich beim Abgang vom Pastor Jung einen Brief an besagten Verein mit auf den Weg. Da sich meine Familie (Frau und Eltern), von mir losgesagt hatten, so würde ich mit den paar Mark Arbeitsverdienst, die ich in Plötzensee erhalten, kaum etwas anfangen können; außerdem hatte ich seit neun Monaten kein Arbeitszeugnis; ich war daher bereit, jede Arbeit anzunehmen, damit ich nur wieder einen guten Arbeitsschein vorweisen konnte. Im Vereinslokal, Neue Friedrichstraße, erhielt ich den Bescheid, daß ich Arbeit in Zossen erhalten würde, in einer Zementfabrik als Schlosser. (Ich bin nämlich Schlosser.) Mittag ½ 2 Uhr hatte ich mich auf dem Anhalter Bahnhof einzufinden und bekam vorher noch eine Marke zur Volksküche.
Um die angegebene Zeit war einer der beiden Buchhalter am Bahnhof, löste Billets für mich und einige Schicksalsgenossen und händigte uns die Fahrscheine ein, als wir im Waggon waren.
Auf der Fabrik angekommen, erhielt ich keine arbeit als Schlosser; es hieß, es sei keine Stelle frei; wollte ich nicht wieder nach Berlin zurück auf eigene Kosten und die vom Verein ausgelegten 70 Pfennig Fahrgeld zurückzahlen, so mußte ich mich bequemen, Steine zu karren mit einem Anfangslohne von 16 Pf. pro Stunde. Tritt Regenwetter ein, so daß nicht im Freien gearbeitete werden kann, dann können Sie sich wohl denken, wie viel verdient wird. Hat jemand kein Geld, wenn er anfängt zu arbeiten, so sieht er sich gezwungen, Vorschuß zu nehmen, welcher von den Meistern in Blechmarken gezahlt wird, die nur der Fabrikwirth in Zahlung nimmt. Was man dort für das sauer verdiente Geld für Waare bekommt, ist leicht vorzustellen, denn der Wirth weiß ganz genau, daß der Arbeiter, welcher Marken in Zahlung giebt, gezwungen ist, bei ihm zu verkehren; ebenso wissen die Meister und der Herr Direktor um diese Zustände, die sehr geeignet sind, eine möglichst hohe Pacht vom jedesmaligen Wirth zu erhalten. Außerdem ist für die unbemittelten Arbeiter in der Art gesorgt, daß einige Baracken, denn Häuser kann man’s nicht nennen, zu Schlafstellen eingerichtet sind für je 10-20 Mann. Lager: Strohsack und wollene Decke. Mobiliar: Ofen ohne Feuerung, Preis für die Benutzung 5 Pf. pro Tag, welche am Zahltag nebst dem erhaltenen Vorschuß und Krankengeld in Abzug gebracht werden. So kann denn Jemend nach halbmonatlicher Arbeit, es ist im Monat nur zwei Mal Lohnzahlung, in die Lage kommen, nur 1 bis 2 M., vielleicht noch weniger, ausbezahlt zu erhalten. Nach 6 Wochen erhielt ich Stellung in der Werkstatt und zugleich 19 Pf., dann nach abermals 14 Tagen 20 Pf. Stundenlohn. Es hatte sich auch ein anderer Arbeiter meiner angenommen, mir etwas Geld geborgt und da ich noch ziemlich anständig in Kleidung ging, konnte ich mir eine Schlafstelle miethen. Als ich mit meiner Familie mich ausgesöhnt hatte und wieder nach Berlin kam, konnte ich nun ein letztes Arbeitszeugnis vorweisen und erhielt nunmehr auch anderweit Arbeit:“

Quelle: Berliner Volksblatt, 25.12.1890, S. 9

 

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