1891

 

Juni

Korrespondenzen und Parteinachrichten

„Zossen. Kürzlich tagte hier die Synode für den Kreis Zossen-Mittenwalde-Trebbin. Dieselbe nahm nach einem Vortrage des Predigers Licentiaten Mücke folgende „Leitsätze“ für die Agitation gegen die böse Sozialdemokratie an:
1. Der Gemeindekirchenrath muß der Mittel- und Sammelpunkt aller Bestrebungen der inneren Mission zur Milderung der sozialen Nothstände und zur Wiedergewinnung der Gottentfremdeten sein, weshalb er sich fleißig in seinen Sitzungen mit allen einschlägigen Angelegenheiten zu beschäftigen hat, damit seine Mitglieder zu wackeren, tapferen Helfern und Mitkämpfern des Pfarrers in diesen Beziehungen werden, also mit der Bibelsache und christlichen Presse, mit dem gesamten Vereinswesen in seinen einzelnen Verzweigungen, mit Krippenanstalt und Sonntagsschule, Jugend- und Lehrlingswesen, Armen- und Krankenpflege, Familien- Und Nächstenliebe, zur Versöhnung der Klassen- und Standesunterschiede, mit dem Verhältnis der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zueinander, mit der Sonntagsruhe und der Sonntagsheiligung, mit Betheiligung an seelsorgerischen Hausbesuchen und öffentlichen Verantwortungen des Christenthums gegen die sozialdemokratischen Irrthümer. Hierzu sind auch die Gemeindevertreter in jeder Sitzung derselben heranzuziehen, soweit es irgend zugeht.
2. Die kirchlichen Gemeindeorgane haben sich ferner die Versorgung der lokalen Presse mit fortlaufenden Artikeln wider die Sozialdemokratie, ferner die Einrichtung und Pflege von guten Volks- und Schulbibliotheken in Städten und Dörfern, sowie die Verbreitung christlicher Sonntags-, Flug-, Arbeiterblätter und ähnlicher Schriften in ausgedehntestem Umfange angelegen sein zu lassen.
3. Der Gemeindekirchenrath muß auch die Seele des gesamten christlichen Vereinswesens in Stadt und Land zur Bewahrung der Jugend, zur Sammlung der Erwachsenen, zum Dienste der Armen und Elenden, Kranken und Schwachen, Verwahrlosten und Gesunkenen sein, und ebenso haben sich die Gemeindevertreter an allen Bestrebungen der rettenden Nächstenliebe und Barmherzigkeit fleißig zu betheiligen.
4. Die kirchlichen Gemeindeorgane haben endlich fortwährend ein wachsames Auge darauf zu richten, ob sich irgendwo in Häusern oder Familien oder in Zusammenkünften und Versammlungen von Arbeitern die Sozialdemokratie regt, und haben dann da, wo es geschieht, angemessen einzugreifen, nämlich in Häusern und Familien durch eifrige seelsorgerische Bbesuche, in den Zusammenkünften und Versammlungen der Arbeiter aber durch entschlossene Widerlegung der gottlosen Schreier und Umsturzlehren.

So sieht die Resolution aus, welche den Gläubigen im Kampfe gegen uns als Richtschnur dienen soll. Nun, schon die paar sozialdemokratischen Worte: Ordentliches Einkommen, menschenwürdige Arbeitszeit, gleiches Recht für Mann und Weib, worüber die Synode sich ausschweigt, sie haben unter dem deutschen Volke mehr Zugkraft, als der ganze langathmige Gallimathias jener „Leitsätze.“
Und ebenso windig steht es nach alter Erfahrung bei den geistlichen mit der Führung des „geistigen“ Kampfes. Er ist in der Regel so geistlos wie möglich, wovon die oben mitgetheilten „Leitsätze“ schon Zeugnis ablegen. Und sogar in die Gemeinderathssitzungen wollen sie diesen pseudo-geistigen Kampf tragen, trotzdem von Seiten der Klassengenossen der Geistlichkeit gerade jetzt, wo es sich um Aufhebung der Kornzölle handelt, immer betont wird, die Gemeindevertretungen durften sich nur mit kommunalen Sachen befassen. Religiöse Fragen sind zweifelslos keine kommunalen Angelegenheiten. Aber natürlich, in dem Fall, wenn es die Sozialdemokratie zu „vernichten“ gilt, wird‘s schon gehen. Auch die Versorgung der lokalen Presse mit Waschzetteln macht sich gut. Die Lokalpresse bringt zwar jetzt schon genug solchen Zeugs, aber das Gebrachte genügt noch nicht: die lokalen Zeitungen müssen noch dümmere Schimpfartikel gegen uns bringen, vielleicht ist dann das verlorene Terrain wieder zu gewinnen. „Es war einer, dem‘s zu Herzen ging, daß ihm der Zopf so hinten hing,“ das paßt auch hier wieder.
Nun Arbeiter und Arbeiterinnen im Kreis Zossen-Mittenwalde-Trebbin! Haltet scharf Wacht gegen die Finsterlinge! Wo es noch nicht geschehen, schließt Euch der Gewerkschafts- und der Partei-Organisation an! Die Arbeiterbewegung ist mächtig genug, Euch zu schützen, wenn man Euch um Eurer Ueberzeugung willen verfolgt. Es regt sich jetzt an allen Ecken und Enden, was der Freiheit Feind ist. Organisiert Euch, und die Gegner der neuen, lichtfreudigen Weltanschauung, unserer Religion, werden auch in Eurem Bezirke binnenkurzer Frist einsehen, daß alles, was man gegen die Sozialdemokratie unternimmt, verlorene Liebesmüh bleibt.“

Quelle: Vorwärts, 30.06.1891, S. 5

 

 September

„Lokales.

Die Kreissynode Zossen-Zossen-Mittenwalde-Trebbin hat sich vor einiger Zeit mit sozialistischer Agitation auf dem Lande beschäftigt; wir haben darüber bereits früher Mittheilung gemacht. Jetzt knüpft an die Agitation auf dem Lande in der erwähnten Gegend ein Mitglied der Kreissynode längere Betrachtungen im „Evang. Kirchl. Anzeiger“ und macht eine lange Reihe von Vorschlägen zur Bekämpfung der ländlichen Sozialdemokratie, die zwar in ihrer Gesammtheit recht kindlich und unbedenklich erscheinen, von denen aber doch einige recht interessant sind.
Zunächst wird die Ablösung sämmtlicher Stolgebühren für geistliche Amtshandlungen bei Minderbemittelten verlangt, dann Bestreitung des Mehraufwandes der Pastoren für Fuhrwerk, dessen er öfter bedürfen wird, wenn er überall da, wo sich Sozialdemokraten in seiner Parochie regen, am Platze sein soll.
Ferner wurde die Verbreitung christlicher Schriften vorgeschlagen. Die Schriftenniederlage soll in dem am meisten bedrohten Kirchspiel der Synode eingerichtet werden und jeder Pfarrer von dort aus mit der erforderlichen Zahl von Exemplaren versorgt werden, namentlich sollen das „Berliner Sonntagsblatt“ und der „Arbeiterfreund“, natürlich beide gut christlicher Tendenz, in die Höhe gebracht werden. In allen Städten und Dörfern, wo populäre Volks- und Schulbibliotheken vorhanden sind, sollen diese durch zeitgemäße und gute Schriften gegen die Sozialdemokratie vervollständigt werden. Außerdem wird Propaganda gemacht für das neue konservative Wochenblatt für den Wahlkreis Teltow-Beeskow-Storkow.
Endlich wird Förderung des Vereinswesens empfohlen, Kindergottesdienst, Katechisationen, Unterredungen mit Jünglingen und Jungfrauen, Arbeitervereine zur Pflege der Religion und Vaterlandsliebe u.s.w. u.s.f.
Das sind also die staatserhaltenden Vorschläge der frommen Herren!
Es ist doch merkwürdig, daß da die Abschaffung der Stolgebühren und die Gewährung höherer Dienstaufwands-Entschädigungen gleich an der Spitze steht. Also „Lohnerhöhung“ für die Herren Pastoren. Die Arbeiter haben in dieser Richtung immer ganz gute Erfolge durch die Bildung von Fachvereinen erzielt, vielleicht versuchen‘s die frommen Herren auch einmal auf diesem nicht mehr ungewöhnlichem Wege. „Antisozialistischer Pastoren-Fachverein der Zossen-Mittenwalder-Trebbiner Kreissynode“ klingt nicht schlecht. Aufgefallen ist es uns, daß, während die Herren so fürsichtiglich an den eigenen Säckel denken, sich kein Sterbenswörtchen in dem Programm findet über die Löhne der Arbeiter. Aber freilich, die bekommen ihren Lohn im besseren Jenseits!
Mit den weiteren Programm-Vorschlägen der frommen Herren brauchen wir uns eigentlich nicht aufzuhalten. Wir sind entschlossen, einen Pastoren-Verein zur Förderung der Sozialdemokratie in demselben Moment zu bilden, wo die frommen Herren einen irgendwie nennenswerthen oder bedeutsamen wirklichen Arbeiterverein im Bezirke ihrer Synode zusammenbekommen.
Zum Schluß sagt dann das fromme Mitglied der Zossen-Mittenwalde-Trebbiner Kreis-Synode; „Wir waren darin einverstanden, daß wir jetzt in die Versammlungen der Hetzer und Aufwiegler unmittelbar hineingehen müssen, um in diesem die Verführten von ihren abenteuerlichen Ideen abzubringen und ihnen die zukunftsstaatlichen Vorspiegelungen der Berliner Zentralleitung auszureden.- Leider finden die sozialdemokratischen Hetzereien hauptsächlich an Sonntagen statt, an denen die Prediger am meisten mit Arbeit überhäuft sind.“ -
Wir müssen sagen, daß wir diese Art der Abkanzelung eines anerkannt mächtigen und einflußreichen politischen Gegners weder für christlich noch für höflich halten. Was würden die frommen Herren sagen, wenn wir etwa in ähnlichem Sinne von pfäffischen Verdummungsversuchen, pfäffischem Eigennutz und Mißbrauch des geistlichen Ansehens und der Religion zur Unterdrückung der Arbeiter und Erreichung von Vortheilen für die Unternehmer reden wollten?
Wenn die Herren Pastoren in dieser Weise „agitieren“, so bleibt uns nichts Anderes übrig, als zu „predigen“ und da fällt uns ein, daß der weise Rabbi von Nazareth sagte: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem und Scheltwort mit Scheltwort“, und an einer anderen Stelle: „Wie darfst Du sagen: Halt stille Bruder, ich will den Splitter aus Deinem Auge ziehen und siehe, ein Balken ist in Deinem Auge. Du Heuchler! Zeuch zuvor den Balken aus Deinem Auge und siehe alsdann zu, wie Du den Splitter aus Deines Bruders Auge ziehest!“
Nichts für ungut, Herr Pastor““

Quelle: Vorwärts, 02.09.1891, S. 5

 

 

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