1893

 

21. Mai

„Eine Agitationspartie nach Zossen unternahmen am ersten Pfingstfeiertage eine Anzahl Berliner Genossen, um auch in dieses Nest des Konservatismus Bresche zu legen. Schon in der frühesten Morgenstunde war man, mit dem nöthigen geistigen Material versehen, dahin aufgebrochen, und kein Eckchen und Winkelchen blieb unerspäht, alles wurde von den verd … Sozi mit Flugblättern, Zeitungen etc. belegt. Und wie freudig und mit welcher Begierde wurde nach allem gegriffen, was man ihnen, den ausgebeuteten Zossener Proletariern, anbot, und lange, bevor mancher trockener Philister und satte Bourgeois sich den Schlaf aus den Augen rieb, hatte der Zossener Landmann und Proletarier bereits das sozialdemokratische Frühstück verdaut. Von allen, ob Kleinhandwerker, Fabrikarbeiter oder Landmann, vernahm man dieselebn Klagen, dasselbe Hoffen von der Befreiung der Last des kapitalistischen Knechtthums. Und aus den Gesprächen, die die Genossen mit den Ärmsten dieser Armen anknüpften, konnte man so recht erfahren, welche schmachvollen Mittel mitunter von den Ausbeuteren angewandt werden, um die Arbeiter gefügig zu machen. „Wählst Du anders, als wie ich es Dir befehle, bist Du entlassen!“ heißt es da einfach; handelt der Arbeiter trotzdem anders, dann bekommt er die Hungerpeitsche zu fühlen. Könnten die Zossener Arbeiter nach ihrem freien Willen handeln, wir sind überzeugt, das Schwarz daselbst würde mit einem Male in Rozh verwandelt.“

Quelle: Vorwärts, 26.05.1893, S. 6

 

15. Juni

Reichstagswahlen
In der Hauptwahl erhalten in Zossen die Konservativen 270 Stimmen, die Freisinnigen 196 Stimmen, die Sozialdemokraten 139 und die Antisemiten 79 Stimmen. In der Stichwahl erhält der konservative Kandidat 510 Stimmen, Zubeil (SPD) 177 Stimmen. Zubeil gewinnt den Wahlkreis. Die SPD wird stärkste Partei.
Laut „Vorwärts“ erhielt der Konservative Ring in der Stichwahl in Zossen 518 Stimmen, Zubeil 175.

Quelle: Paul Hirsch: Die Sozialdemokratie im Wahlkreise Teltow-Beeskow-Storkow-Charlottenburg, Charlottenburg 1908, S. 9; Vorwärts, 26.06.1893, S. 3

 

Juni

Gepanschte Milch in Berlin wurde bereits von den Bauern verfälscht:

„Nachdem kürzlich von dem hiesigen Landgericht II mehrere Kladower Bauern wegen Milchverfälschung zu erheblichen Strafen verurtheilt wurden, haben ähnliche Prozesse vor den Landgerichten zu Zossen [gemeint ist das Amtsgericht.-- K.L.] und Frankfurt a.O. stattgefunden. In Zossen befanden sich 12 Bauern aus dem Dorfe Fern-Neuendorf auf der Anklagebank, weil sie nach dem Gutachten der beiden Gerichtschemiker, Dr. Bischoff und Dr. Jeserich, verfälschte Milch an ihre Berliner Pächter geliefert hatten. Während zwei der Angeklagten empfindlich bestraft wurden, schlüpften die übrigen durch, weil das Gericht nicht für erwiesen heilt, daß sie selbst die Verdünnung mit Wasser vorgenommen hatten. ...“

Quelle: Vorwärts, 20.06.1893, S. 7

 

24. September

„Kummersdorf bei Zossen. Hier tagte am 24. September die erste sozialdemokratische Versammlung in der Wohnung des Schneidermeisters Wisianowski. Die Versammlung war von ungefähr 200 Personen besucht und folgte mit regem Interesse den Ausführungen des Reichstags-Abgeordneten Fritz Zubeil, der eine eingehende Schilderung über die letzte Reichstagssession gab. Besonders ausführlich besprach Redner die neuen Steuerprojekte der Regierung. In der Diskussion empfahl Körtsen den Anwesenden das Abonnement des Teltower „Volksblattes“ und beleuchtete des Näheren die landwirthschaftlichen Verhältnisse und die Lage der Landarbeiter. Nach einem Schlußwort des Referenten, das eine eingehende Erläuterung des Wahlgesetzes darbot, stimmte die Versammlung begeistert in ein Hoch auf die Sozialdemokratie ein.“

Quelle: Vorwärts, 29.09.1893, S. 7

 

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