1895

 

Mai

„Dürfen Sozialdemokraten Geburtstagsfeste feiern und das von ihnen getrunkene Bier bezahlen?

Der Arbeiter Ebel feierte in seiner Behausung zu Zossen im Januar d. J. seinen geburtstag im Kreise mehrerer Bekannten. Bei dieser Gelegenheit empfahl sein Gast Bähnisch das „Volksblatt für Teltow-Beeskow“ zur Lektüre. Vor dem Auseinandergehen veranstalteten die Geburtstagsgäste eine Tellersammlumng zur theilweisen Schadloshaltung des Geburtstagskindes für das von diesem gespendete Bier. In diesem Vorgehen erblickte das Schöffengericht zu Zossen unter Vorsitz des Amtsrichters Semmler und unter Beisitz zweier Unternehmer: die Veranstaltung einer Versammlung zur Berathung und Erörterung öffentlicher Angelegenheiten und das Veranstalten einer öffentlichen Kollekte. Da diese „Versammlung“ nicht polizeilich angemeldet war, erblickte das Gericht ferner in der Abhaltung der Geburtstagsfeier einen Verstoß gegen das preußische Vereinsgesetz. Deshalb wurde das Geburtstagskind und sein Gast Bähnisch mit je 50 Mark Geldstrafe belegt. Zur Begründung findet sich folgender Passus im Urtheil: „es kann keinem Bedenken unterliegen, daß die von Ebel veranstaltete Versammlung nicht lediglich den Zweck einer einfachen Geburtstagsfeier hatte, und zwar schon aus dem Grunde, weil Leute vom Stande des Angeklagten nicht eine so große Zahl ihnen ferner stehende Leute, denen sie lediglich Zeitungen zutragen, einzuladen pflegen.“ Die beiden verurtheilten Missethäter haben trotzdem erhebliche Bedenken, daß Arbeitern nicht erlaubt sei, Geburtstagsfeste zu feiern wie sie wollen. Sie haben deshalb die Entscheidung darüber, ob die Feststellung des Vorderrichters mit dem Vereinsgesetz und mit der preußischen verfassung vereinbar sei, durch Einlegung der Berufung dem Landgericht II unterbreitet. In der Verfassung steht, daß alle Preußen vor dem gesetz gleich seien und das Standesvorrechte nicht stattfinden. Der Arbeiter Bähnisch ist durch das Gericht überdies mit noch 10. M. Strafe belegt, weil er durch den Versuch der Bezahlung des von ihm getrunkenen Bieres die Polizeiverordnung vom 7. Januar 1891 verletzt habe, „deren Giltigkeit Bedenken“ nach Ansicht des Schöffengerichts „nicht unterliegt“. Diese Verordnung ist etwa 50 Mal seitens des Landgerichts II und seitens des Kammergerichts für rechtsungiltig erklärt. Und dennoch bestehen Bedenken gegen deren Giltigkeit nicht? Allerdings der Strafsenat des kammergerichts zählte damals noch nicht drei Herren zu seinen Mitgliedern, die vor ihrer Berufung an das Kammergericht nur Staatsanwälte waren.“

Quelle: Vorwärts, 12.05.1895, S. 8

 

Juli

Die Berufs- und Gewerbezählung für Berlin und Umgebung ergibt: "…
Zossen 3952 Einwohner, 2093 männl., 1859 weibl."

Quelle: Vorwärts, 26.07.1895, S. 6

 

18. August

„Cummersdorf. Eine öffentliche Volksversammlung fand am Sonntag, den 18. August, in Cummersdorf bei Zossen statt. Genosse Köster referirte über das gleiche Recht für Alle und fand den Beifall der anwesenden Frauen und Männer. Zum Schluß besprach er den jetzigen patriotischen Rummel. Es meldete sich dann ein Lehrer (Warnke) aus Sperenberg, einem Dorf bei Cummersdorf, zum Wort. Als er den Drill beim Militär verteidigte, da zeigte es sich, wie weit ihm die Anwesenden recht gaben. Wir mußten alles thun, um sie zu beruhigen, er ließ es sich auch nicht nehmen, vieles von den glorreichen Thaten, von der Verteidigung von Haus und Hof der Arbeiter zu reden. Als der Referent ihm klarlegte, daß Haus und Hof doch nur noch ein Scheinbesitz wäre und die meisten Besitzer sich nur für die Zinsen quälen müßten, in Wirklichkeit aber der Geldgeber Besitzer wäre, da bewies das laute Bravo der Anwesenden, wie recht der Referent hatte. Der Herr Lehrer sprach auch von den Kremser fahrenden Berliner Arbeitern und tadelte diesen Luxus, doch schien ihm ein Tausch mit den Steinträgern nicht rathsam zu sein. Als alles nicht zog, mußten die alten Lügen von der freien Liebe, von den auf Kosten der Arbeiter schwelgenden sozialdemokratischen Abgeordneten herhalten, auch daß wir dem Volke alles versprechen und nichts halten können usw. Als auf die bodenlosen Lügen hingewiesen wurde, wußte der Herr darauf nichts zu erwidern. Weolchen Anklang der Lehrer bei den Versammelten fand, wird wohl am besten dadurch gekennzeichnet, daß einer der anwesenden Arbeiter ihm sagte, er solle „man alles bie sich behollen und in Sperenberg utschidden“. Wir glauben nicht, daß der Herr Lehrer es noch zum zweiten Male wieder wagen wird, die Arbeiter vor der Sozialdemokratie gruselig zu machen. Mit dem Erfolg der Versammlung können wir nur zufrieden sein. Die Versammlung mußte wegen Mangel eines Saals in der Wohnung eines Genossen stattfinden; auf dem Hof desselben zu stehen war verboten, wogegen Beschwerde erhoben ist. Die Wirthe versichern auch hier, daß sie blos die Furcht vor der Polizei und vor darauffolgendem militärverbot abhält, ihre Säle zu gebe.“

Quelle: Vorwärts, 29.08.1895, S. 11

 

September

„Für die Familien der im Essener Meineidsprozeß Verurtheilten gingen bei uns ferner ein: … Kowalski, Zossen, 2,95. ...“

Quelle: Vorwärts, 01.09.1895, S. 6

 

 

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