1899

 

21. September

In Schöneberg tagte am Donnerstag eine von den Genossinnen einberufene Volksversammlung. Vor Eintritt in die Tagesordnung gedachte die Vorsitzende der kürzlich verstorbenen, tüchtigen und thätigen Parteigenossin Frau Mehnert in Zossen. Hierauf nahm Lily Braun das Wort zu einem Vortrage über „Die Stellung der Frau in der Arbeiterbewegung“. Die Rednerin setzte auseinander, wie die Frauen infolge der industriellen Entwicklung in immer steigendem Maße zur Erwerbsarbeit gedrängt wurden, sie erinnerte dann an die politische Rechtlosigkeit der Frauen und besprach die Drangsalierungen, welche die proletarische Frauenbewegung seither durch die Behörden erfahren hat. Man fürchte auf seiten der herrschenden Klassen nichts so sehr als die Aufklärung der Frauen. Aber auch in jedem Arbeiter, seolbst den socialdemokratischen, stecke gegenüber den Frauen noch ein Stück vom Philister. (Sehr richtig.) Die Bewegung der Arbeiterinnen decke sich leider nicht mit der Arbeiterbewegung. Die Männer fördern die gewerkschaftlichen Bestrebungen der Frauen nicht in wünschenswerter Weise. Teils weil sie in den Frauen unbequeme Konkurrentinnen sehen, andernteils – und im Hinblick auf das Verhalten der Behörden mit einer gewissen Berechtigung – weil sie in der Beteiligung der Frauen an den gewewerkschaftlichen Organisationen eine Gefährdung der letzteren erblicken. Die Männer sollten bedenken, daß der Lohndrückerei durch die Frauen ein Riegel vorgeschoben werde, wenn die Frauen aufgeklärt und zur gewerkschaftlichen Bewegung herangezogen werden. Aber auch auf politischem Gebiet erfahre die Frauenbewegung seitens der Arbeiter nicht die gebührende Förderung. Die Vernachlässigung der Aufklärung sei9 aber ein bedeutendes Hindernis der politischen Bewegung überhaupt, denn wenn es erst so weit sei, daß die Frauen das Stimmrecht bekommen und wenn sie dann, weil sie unaufgeklärt sind, ihre Stimmen zu Gunsten der Reaktion abgeben, dann würden es die Arbeiter bereuen, daß sie nicht bei Zeiten für die Aufklärung der Frauen Sorge getragen haben. Um der gemeinsamen Sache willen brauchen wir die Hilfe der Frauen. Wenn die Männer in den Frauen gleichwertige Mitkämpferinnen sehen, dann werde der bedauerliche Zustand schwinden, daß es innerhalb der Arbeiterbewegung noch eine gesonderte Frauenbewegung giebt. Der gesonderten Frauenbewegung in unserer Partei ein Ende zu machen und gemeinsam für die große Sache zu kämpfen, daß müsse unser Ziel sein. Ein Schritt zu diesem Ziel sei der dem Parteitag eingereichte Antrag , wonach weibliche Delegierte nicht mehr in besonderen Frauenversammlungen gewählt werden sollen. Die Rednerin ersuchte die Delegierten des Kreises, diesen Antrag zu vertreten, und bemerkte zum Schluß, die Zukunft der Socialdemokratie werde zum großen Teil davon abhängen, daß Frauen und Männer, alles kleinliche Gezänk vergessend, Hand in Hand für das gemeinsame Ziel kämpfen. (Lebhafter Beifall.) Dem Vortrage folgte eine rege Diskussion. Eine Rednerin vertrat unter Anführung verschiedener Einzelfälle aus ihrem Bekanntenkreise die Meinung, daß es unter den socialdemokratischen Arbeitern noch viele gebe, die ihrer eigenen Frau nicht die Stellung einer gleichberechtigten Genossin einräumen. Obst legte gegen diese Auffassung Verwahrung ein und meinte, wer seine Frau so behandle, wie es die Vorrednerin hinstelle, der sei kein aufgeklärter Parteigenosse. Übrigens müsse man bedenken, daß Charakterunterschiede, Familienverhältnisse und dergleichen oft die Ursache eines unharmonischen Verhältnisses zwischen Ehegatten seien. Franke führte dagegen aus, daß Parteigenossen sich oft nicht Mühe geben, die eigene Frau aufzuklären. Lily Braun bemerkte in ihrem Schlußwort: Erst wenn der Mann die Frau nicht mehr bloß als Weib, sondern als Genossin und Freundin im tieferen Sinne des Wortes betrachte, werden beide Geschlechter gemeinsam den Kampf für die Befreiung des Proletariats führen können.“

Quelle: Vorwärts, 24.09.1899, S. 9

 

31. Dezember

1899 hatte die Zahlstelle Zossen des Zentralverbandes der Maurer Deutschlands 120 Mitglieder.

Quelle: Der Grundstein, 14.04.1900, S. 14

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