1892

 

Januar

Eingang von Spenden beim „Vorwärts“

„Im Monat Januar gingen folgende freiwillige Beiträge beim Unterzeichneten ein:

Zossen die im Dunkel schwebenden Zossener 1,85.“

Quelle: Vorwärts, 04.02.1892, S. 1

 

 14. August

Das Agitationskomitee für die Provinz Brandenburg hat im Interesse einer regeren und planmäßigen Agitation die ganze Provinz Brandenburg in 6 Theile zerlegt, und jedem Berliner Wahlkreis je nach seiner Stärke einen solchen Theil zur Bearbeitung und Anleitung des Komitees zugewiesen.
Der II. Wahlkreis machte nun am Sonntag, den 14. August, nach dieser neuen Eintheilung den Anfang mit einer Agitationstour nach Zossen.
Schon vorher war strategisch das ganze Terrain zwischen Dresdener und Görlitzer Bahn genau eingetheilt, und zwar war beschlossen, daß der Angriff von zwei Seiten erfolgen sollte.
Dazu war erforderlich, die Genossen in zwei Kolonnen zu theilen.
Die 1. Kolonne, hauptsächlich bestehend aus den Genossen des „stolzen“ Westens, hatte die Aufgabe, den linken Flügel zu bilden, um von Dahlwitz aus links die ganzen Dörfer nach Zossen zu bearbeiten.
Die 2. Kolonne sollte mit der Görlitzer Bahn nach Königs-Wusterhausen und von da aus die rechte Seite – auf Zossen zu – nehmen.
Der ganze Plan war so gedacht, daß in Zossen sich beide Kolonnen vereinigen sollten, um dieses Städtchen mit vereinten Kräften zu nehmen.
Punkt 6 Uhr früh fuhr die Kolonne I vom Anhalte Bahnhof ab, um 6.40 in Rangsdorf einzutreffen. Hier wurde die Kolonne nach Übernahme des Materials aus taktischen Gründen nochmals in zwei Theile getheilt, so daß jetzt jede Unterabtheilung, ca. 50 Mann stark, 8-9 Dörfer zu besorgen hatte. Nachdem dies geschehen, setzte sich die Truppe in Bewegung; die eine nach links, die andere nach rechts.
Die Unterabtheilung A ging zunächst nach Dahlwitz zurück. Auf dem Wege dorthin trafen wir einen Pfarrer, gemüthlich in einer Kutsche nach demselben Ort fahrend. Der Herr Pfarrer war so liebenswürdig als er an uns vorbeifuhr, uns ein paar Hände voll Traktätchen zuzuwerfen, welche natürlich von den Genossen, wenn auch aus anderen Gründen, als der Pastor vermuthet haben wird, gern aufgenommen wurden. – Dahlwitz selbst besteht aus einer Domäne und einigen Kleinbauern.
Unsere Aufnahme war eine sehr gute, hauptsächlich von den Gutsarbeitern; diese schilderten uns die Verhältnisse wie folgt: Arbeitslöhne für Männer 60-70 Pf. täglich, Frauen 40-50 Pf.; Arbeitszeit von früh 8 bis Abends 10, auch 10 ½ Uhr. Die Wohnungen, gelinde gesagt, die reinen Ställe. –
Von da ab ging es nach Gr. Kienitz, Brusendorf, Kl. Kienitz. Überall dieselben traurigen Zustände für die Arbeiter und überall gute Aufnahme unserer Schriften.
Auch die Kleinbauern waren theilweise sehr empfänglich für unsere Ideen. Nur ein Amtsvorsteher in Gr. Kienitz glaubte sich dadurch besonders vor seiner Gemeinde auszeichnen zu müssen, indem er sich über den Zweck unserer Schriften der häßlichsten Ausdrücke bediente; er wurde aber von den Genossen ordentlich abgeführt.
In Kl. Kienitz wurde nach ungefähr 4stündlicher Heißer Arbeit Rendez-vous gemacht. Wir fanden hier bei einem Wirth, welcher uns gleich in der liebenswürdigsten Weise seinen Saal zur Verfügung stellte, gute Aufnahme.
Von hier aus ging es nach Theresienhof, Vorwerk und Ziegelei. Auf beiden gute Aufnahme. Die Zustände hier höchst traurig. Zur Charakterisirung einen Fall: Ein Arbeiter, welcher 50 Jahre ununterbrochen auf dem Gute gearbeitet, erhält jetzt als „Höchstlohn“ sage und schreibe pro Tag eine Mark.
Auf der Ziegelei verdienen die Leute bei einer täglichen Arbeitszeit von 16-18 Stunden drei Mark pro Tag; bekommen aber von diesem Lohn sehr wenig ausgezahlt. Zum Beispiel: Ein Arbeiter, welcher in der letzten Woche 17 Mark verdient hatte, bekam ganze – zwei Mark davon ausgezahlt, das Übrige bleibt in der Kantine, welche im Besitz des Pächters der Ziegelei ist.
Die Preise für Waaren sollen in der Kantine gerade noch einmal so hoch sein, wie in dem eine Stunde von hier entlegenen Dorfe Groß-Machnow. –
Hier dürfte also das Trucksystem in vollster Blüthe stehen!
Wir gaben den Leuten von unseren Schriften: Nieder mit der Sozialdemokratie, Teltower „Volksblatt“, Maifest-Zeitung etc. etc. Alles wurde mit Dank, ja sogar mit dem Versprechen angenommen, nächstens das Teltower „Volksblatt“ selbst zu abonniren.
Unter den glühenden Strahlen der Sonne ging es nach Groß-Machnow.
Ziemlich erschöpft kamen wir dort an. – Nachdem die Genossen, zirka 10 Mann, welche hier die Schriften zu vertheilen hatten, an die Arbeit gegangen waren, ging das Gros nach einem Gasthof, um eine kleine Erfrischung zu nehmen, und dann die arbeitenden Genossen abzulösen. Hier hatten wir den ersten unliebsamen Zwischenfall.
Wir waren vielleicht zwei Minuten in der Wirthschaft, als zwei Soldaten vom Eisenbahn-Regiment auch hinein kamen. Nun sollen den Soldaten von einem Genossen Schriften angeboten worden sein, was der Betreffende aber entschieden bestreitet. Derselbe behauptet, die Schriften nur auf den Tisch – da kein anderer frei war –, an welchem die tapferen Krieger standen, gelegt zu haben. Wir hörten nur, wie einer der Tapferen schrie, indem er die Schriften unter den Tisch warf: Wie können Sie sich erlauben, mir einen solchen Mist usw. anzubieten! Ein anderer Genosse suchte nun den jungen Krieger zu beruhigen, aber da kam er schön an. Halten Sie Ihre Schn … oder ich schlage sie gleich … usw. Um allen weiteren Auseinandersetzungen aus dem Wege zu gehen, verließen wir die Wirtschaft, um weiter zu arbeiten. Es sei hier aber ausdrücklich bemerkt, daß wir ungefähr 30 Mann stark waren, also gar keine Ursache hatten, vor diesen beiden Vaterlandsvertheidigern das Feld zu räumen.
Wir waren vielmehr der Überzeugung, daß es nicht im Interesse liegen könnte, hier gleiches mit Gleichem zu vergelten.
Kaum aber waren wir auf der Straße, so erblickten wir einen Gendarm, angethan mit dem Schwert – und Revolver, welcher unsere genossen beim Schriftenvertheilen scharf beobachtete. Diese aber nahmen gar keine Notiz von dem Gendarm und arbeiteten unverdrossen weiter. Inzwischen waren wir glücklich bis ans Ende des Dorfes angelangt. Das Auge des Gesetzes blickt immer zorniger drein! Da freudiges Aufblitzen der Augen des Gewaltigen. – Jedoch nur für einen Augenblick! – sofort wird das Gesicht wieder in strenge Falten gelegt. – Die Amtsmiene aufgesetzt. – Ein Sprung –, und er steht an der Seite eines Genossen. Wild rollen seine Augen, – der martialische Schurrbart sträubt sich. – „Wie können Sie sich unterstehen, sich hier einzumischen! – Gehen Sie weg! – Hier habe ich für „Ruhe und Ordnung“ zu sorgen!“
Als nun „Ihm“ – dem Gendarm – der Genosse ruhig erwiderte, daß er hier auf der Straße dasselbe recht habe, wie der Gendarm, wurde der Mann noch rabiater. Gehen Sie weg von hier! Drei Schritt vom Leibe!“ – – „Sie …, Sie! – oder“ – und dabei griff er nach seinem Gürtel, – besann sich jedoch schnelle eines Besseren und – ließ „Hahn in Ruh.“ – – Der betreffende Genosse trat ruhig „drei Schritt“ zurück, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß der Herr Gendarm nun auch gefälligst auf seinem Platz stehen bleiben und nicht wieder vortreten sollte, um dieselbe Aufforderung zu wiederholen.
Von dieser Entfernung aus mußte auch der Mann der „Ordnung“ – von den Genossen sich sagen lassen, daß nicht „Er“-- der Gendarm – sondern wir für Ordnung eingetreten wären. Nachdem ihm die nöthige Rechtsbelehrung zu Theil geworden, ging es unter den Klängen unseres alten Kampfliedes zum Dorfe hinaus, zum nicht geringen Ärger der bewaffneten Macht, welche sich noch durch die beiden Vaterlandsvertheidiger, die sich in der Wirthschaft vorher so rüpelhaft betragen hatten, verstärkte, die aber jetzt – trotz der Aufforderung der Gendarmen, sich doch den „Kerl“ herauszusuchen – nicht den Muth dazu fanden.
Was aber gab Veranlassung zu diesem Renkontre? – nichts geringeres, als daß zwei Genossen auf den Hof des letzten Hauses gingen, dort von dem Eigenthümer desselben, dem Ortsschulzen heruntergejagt wurden. Trotzdem die Genossen den Hof sofort verlassen wollten, machte der Schulze Skandal.
Hier glaubte nun der Gendarm eingreifen zu müssen, der betreffende Genosse kam ihm aber zuvor, indem er die Genossen aufforderte, sich nicht mit diesem Herrn einzulassen, sondern ruhig den Weg fortzusetzen. Das paßte aber dem Gendarm ebenso wenig wie dem Ortsschulzen, daher die oben geschilderte Wuth gegen den Genossen. Es zeigt sich auch hier mal wieder recht drastisch, wie leicht Konflikte entstehen. Hier ist also Ruhe und Vorsicht doppelt am Platze. Wir dürfen uns gerade bei unserer Landagitation durch nichts bewegen lassen, Dummheiten zu machen, welche in gewissen kreisen gar zu gern gesehen, ja erwünscht werden, damit die „Flinte schießt, der Säbel haut“. Man würde weiter solche Vorkommnisse dazu benutzen, die armen Landbewohner vor uns graulich zu machen.
Von Gr. Machnow ging es nach Dabendorf und von dort auf die Hauptfestung Zossen, wo wir um 4 ½ Uhr völlig in Schweiß gebadet ankamen, d.h. ohne Material. Wir mußten aus diesem Grunde unterlassen, die Stadt in Angriff zu nehmen. Wir suchten uns nun einen schattigen Ort, um uns durch Speise und Trank von den Strapazen einigermaßen zu erholen. Gleich darauf rückte lebhaft von den Genossen der Abth. A begrüßt, die Abth. B unter dem Gesang der Marseillaise in unser Biwak ein. Auch die Abth. B hatte trotz der glühenden Hitze ihr ganzes Material ohne Zwischenfälle auf ca. 9 Dörfer vertheilt. Nach und nach rückte auch die Abtheilung der Kolonne II ein. Auch diese hatte die gleiche Zahl von Dörfern außer den beiden Städten ohne Störung mit Schriften belegt. Nur war diese Kolonne auf polnische Arbeiter gestoßen, ohne für diese Material zu haben. Es dürfte sich also in Zukunft empfehlen, auch polnische Literatur zur Agitation mitzunehmen. Nach kurzer Rast ging es zur Bahn, um die Rückreise anzutreten.
Eine kleine Zahl aus dem „Westen“, Kolonne I, benützte trotz der großen Müdigkeit die kurze Zeit bis zum Abgang des Zuges in Zossen selbst Verbindungen anzuknüpfen. Nach längerem Hin- und Herfragen und Laufen gelang es endlich, ein paar Leute aufzutreiben. Diese versprachen denn auch nach kurzer Besprechung alles aufzubieten, damit auch in Zossen bald eine recht große Anzahl von Sozialdemokraten zu verzeichnen sind.
Da nun der Bahnverkehr von Zossen ein sehr mangelhafter ist, so übernahm es die Militärbahn des kgl. Eisenbahn-Regiments, die bösen Sozialdemokraten, die Umstürzler, in der liebenswürdigsten Weise nach Berlin zu befördern. Aus diesem Grunde ist vielen genossen, welchen früher die Nützlichkeit der Militärbahn nicht einleuchten woöllte, ein großes Licht aufgegangen. Wenn wir nun das Fazit des ganzen Tages ziehen, so können wir mit dem Resultat wohl zufrieden sein. Die Unzufriedenheit ist überall so groß, daß es nur einer richtigen Agitation bedarf, um die Leute für uns zu gewinnen. „Kommt nur recht bald wieder und bringt uns was zu lesen“, so klang es uns überall zum Abschied nach. Die Leute sind wirklich so arm, daß sie nicht in der Lage sind, sich Schriften kaufen zu können.
Auffallend war das Entgegenkommen der Frauen, welche manchen Mann beschämten.“

Quelle: Vorwärts, 17.08.1892, S. 5

 

August

Die Maurer von Steglitz, Friedenau und Umgegend wollen gegen den Einsatz Zossener Maurer auf einer Baustelle in Südende vorgehen. Sie beschließen in nächter Zeit eine Agitationsfahrt nach Zossen zu unternehmen und dort eine Versammlung abzuhalten.

Quelle: Vorwärts, 18.08.1892, S. 8

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