Atomare Abschreckung vor Ort – ein Blick zurück

von Kurt Liebau

In diesen Kriegszeiten ist der Einsatz von Kernwaffen in den Bereich des Möglichen gerückt. Zunehmend wird das Taboo des Einsatzes dieser Waffen aufgeweicht. Die Drohungen Putins an den Westen, Kernwaffen einzusetzen, die Forderung der Einrichtung von Flugverbotszonen über der Ukraine (die ja zwangsläufig den Abschuss russischer Flugzeuge oder von NATO-Maschinen nach sich zieht), die Forderung der Verlegung taktischer Atomwaffen nach Osteuropa und Anregungen zur nuklearen Aufrüstung der EU sind ernste Anzeichen für ein Absenken der Hemmschwelle für einen Atomwaffeneinsatz. Die Stimmen für den Aufbau einer Atomstreitmacht für die EU mehren sich.

Es ist belegt, dass die Menschheit bereits mehrmals an der Schwelle eines Atomkrieges stand, sei es durch das Handeln von Politikern und Militärs, sei es durch technische Fehlinformationen. Nur das Handeln von Politikern (Kennedy und Chrustschow in der Kubakrise) und Militärs kam es nicht zum 3. Weltkrieg. So verweigerte der Kommandeur eines sowjetischen Atom-U-Bootes, Wassili Alexandrowitsch Archipow, während der Kubakrise im Oktober 1962 den Einsatz atomarer Torpedos von seinem U-Boot aus. Oberstleutnant Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow erkannte am 26. September 1983 die Meldung des Startes amerikanischer Atomraketen als einen Fehlalarm des Frühwarnsystems und verhinderte damit den Start sowjetischer Interkontinentalraketen.

Bereits während des Kalten Krieges war Mitteleuropa als atomares Schlachtfeld eingeplant. Von Deutschland Ost, wie Deutschland West wäre im „Ernstfall“ nur eine atomare Wüste übriggeblieben. Es gab damals detaillierte Planungen für den Einsatz von Atomwaffen weltweit.

Die folgenden Angaben zu den amerikanischen Planungen stammen aus der Mitte der 50er Jahre und sind seit 2015 im „National Security Archive“ in Washington DC (https://nsarchive2.gwu.edu/nukevault/ebb538-Cold-War-Nuclear-Target-List-Declassified-First-Ever/) einsehbar.

Aus diesem Matrerial soll nur auf die Zossen und Umgebung sowie Jüterbog berührenden Angaben eingegangen werden. In der Städteliste finden sich Zossen/Wünsdorf, Kummersdorf, Ludwigsfelde, Töpchin und Jüterbog als Zielorte. Im einzelnen sollten in Zossen/Wünsdorf als Ziele die Kommunikation (Bunker „Zeppelin“), Militäreinrichtungen, Fluganlagen, Einrichtungen der militärischen Führung sowie Regierungseinrichtungen (d.h. Rathaus, Wehrkreiskommando, Statssicherheit u.ä.) sowie die Bevölkerung nuklear vernichtet werden, wobei davon ausgegangen wurde, dass 90 Prozent aller überirdischen Gebäudeanlagen vernichtet worden wären. In Kummersdorf waren die Einrichtungen der Luftstreitkräfte und die Bevölkerung, in Töpchin das Munitionslager und die Bevölkerung Ziel von Atombomben. In Ludwigsfelde ging es um die Motorenwerke und wieder um die Bevölkerung, in Jüterbog um Brennstofflager, Militärlager, Stabsgebäude, Truppeneinrichtungen, der Bahnhof samt Bahnlinie und wiederum die Bevölkerung.

Die einzusetzenden Bomben hatten jeweils eine Sprengkraft von 1,7 bis 9 Megatonnen, das entspricht je Megatonne 70 Bomben vom Hiroshimatyp.

In diesem Zusammenhang muss hervorgehoben werden, dass die Bevölkerungsverluste nicht als „Kollateralschäden“ „eingeplant“, sondern explizit als Ziele des Atombombenabwurfs betrachtet wurden. Die Verletzung des Völkerrechts war Bestandteil der Planungen.

Aber auch auf dem Schlachtfeld wurde der Einsatz von Atomwaffen festgeschrieben, z.B. zur Abwehr von Angriffsoperationen der Streitkräfte des Warschauer Vertrages in der Bundesrepublik. Eine Stoßrichtung der Truppen wäre das sogenannte „Fulda Gap“ gewesen. Dort sollte laut Taktiklehrbuch der US-Army (https://www.lagis-hessen.de/de/subjects/drec/current/2/sn/edb/mode/catchwords/lemma/Fulda%2BGap) mit taktischen atomaren Gefechtsfeldwaffen (141 atomare Gefechtsköpfe) Sperrfeuer geschossen werden, wobei der Tod von Zehntausenden hessischer Bürger in Kauf genommen wurde. Ähnliche Planungen können auch für die Gegenseite angenommen werden.

Bei einem künftigen Konflikt zwischen der NATO und Rußland wären die Ziele sicher etwas andere. Möglicherweise würde auf Zossen keine Atombombe fallen, aber Ludwigsfelde wäre auf alle Fälle ein Ziel – und die Bevölkerung.

 

Drucken

Copyright © 2022 Bildung Aufklaerung Zossen e.V.. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.